Giftgas ist ein Stummfilmdrama von Michail Dubson aus dem Jahr 1929.

Handlung

Arnold Horn, ein junger idealistischer Chemiker, entdeckt eine Verbindung, die für die Herstellung eines wirksamen Düngemittels genauso wie für tödliches Giftgas verwendet werden kann. Gegen seinen Willen setzt die Leitung der chemischen Fabrik die Produktion von Giftgas durch, um so den Wert ihrer Aktien zu steigern. Als der Konzernchef ten Straaten sich obendrein noch an Horns Frau Ellen heranmacht, verliert der Erfinder die Nerven. Als er in seiner Verzweiflung in die Fabrik einzudringen versucht, schießt der Direktor Hansen auf ihn und trifft dabei einen Gasbehälter. Das Gas strömt aus und es kommt zu einer Katastrophe, die alles menschliche Leben in der Stadt auslöscht. In der Schlussvision des Films erheben sich die Toten des Ersten Weltkriegs und prangern den Einsatz von Giftgas an.

Hintergrund

Der Film entstand in Berlin nach dem Bühnenstück Giftgas über Berlin von Peter Martin Lampel für die Film-Produktion Löw & Co. GmbH (Emil Löw, Dr. Kurt Kern). Das Drehbuch schrieben Peter Martin Lampel und der russische Autor Natan Sarchi.

Die Produktion wurde von Paul Michael Bünger geleitet. Die Filmbauten schuf August Rinaldi, Aufnahmeleiter war Adolf Rosen.

Photographiert hat die Handlung der ungarische Kameramann Akos Farkas. Ihm stand der Russe Eduard Tissé zur Seite, den eigene leidvolle Erfahrung mit dem Gegenstande verband.

Den unglücklichen Erfinder spielte Hans Stüwe, seine Frau Ellen war Lissy Arna. Den Konzernchef ten Straaten gab Fritz Kortner, den Direktor Hansen Alfred Abel. Die russische Schauspielerin Vera Baranowskaja war in der Rolle einer Arbeiterfrau zu sehen.

Die Herstellung des Filmes wurde von der pazifistisch gesinnten Deutschen Liga für Menschenrechte gefördert. An der Inszenierung der Schlussvision war der russische Regisseur Sergej Eisenstein beteiligt.

Der Film lag der Filmprüfstelle Berlin am 8. November 1929 zur Prüfung vor.

Die Uraufführung fand am 13. November 1929 in Berlin im Marmorhaus am Kurfürstendamm statt, das als „Schauplatz filmhistorisch wichtiger, zuweilen stark umstrittener Filmpremieren“ gilt; die Musik zur Uraufführung komponierte und dirigierte Werner Schmidt-Boelcke. Der Musikkritiker Kurt London rezensierte sie im Fachblatt „Der Film“ 1929 wie folgt: „Die Gesamtlinie der Musik war außerordentlich geschlossen und steigerte sich zu dem allegorischen Schluß von dem verhaltenen Anfang her zu einem gewaltigen, sorgsam vorbereiteten Crescendo.“

Der Film lief auch in Japan, wo er am 5. März 1931 Premiere hatte.

Dem Film wie auch dem Bühnenstück, das sogleich verboten wurde, lagen reale Zeitgeschehnisse zugrunde: die geheime Aufrüstung der Reichswehr unter General von Seeckt und ein Unfall in einem illegalen Giftgasdepot der Firma Stoltzenberg in Hamburg, bei dem 1928 acht Menschen starben und hunderte verletzt wurden.

Rezeption

Der Film wurde besprochen u. a. in der Weltbühne Berlin Nr. 47 vom 19. November 1929 und in der Frankfurter Zeitung Nr. 885 vom 27. November 1929.

Viele Kritiker bemängelten, dass die Bilder des Films zwar stark wirkten, jedoch nur in eine klischeehafte Geschichte eingebettet waren und melodramatische und gesellschaftliche Konflikte unzulässig verquickt wurden. Der Film nötigte aber selbst seinen Gegnern Respekt ab.

Fritz Olimsky schrieb dazu am 14. November 1929 in der Berliner Börsen-Zeitung: „Genau wie das bei den Russenfilmen der Fall ist, kann man auch hier die künstlerische Note keinesfalls leugnen. Die Darstellung muß, vom Gesichtspunkt der Tendenz betrachtet, als geradezu glänzend bezeichnet werden.“

Literatur

  • Herbert Birett: Stummfilmmusik. Eine Materialsammlung. Berlin, Deutsche Kinemathek 1970.
  • Günther Dahlke, Günter Karl (Hrsg.): Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933. Ein Filmführer. 2. Auflage. Henschel-Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-89487-009-5.
  • Gero Gandert (Hrsg.): Der Film der Weimarer Republik. Ein Handbuch der zeitgenössischen Kritik. 1929. Unveränderter Nachdruck der gebundenen Ausgabe von 1993. de Gruyter, Berlin u. a. 1997, ISBN 3-11-015805-1, S. 247–254, 868, 876.
  • Benjamin Carter Hett: Crossing Hitler. The Man Who Put the Nazis on the Witness Stand. Illustrierte Ausgabe. Oxford University Press, Oxford u. a. 2008, ISBN 978-0-19-536988-5, S. 293, Notes zu S. 42–46.
  • Kurt London: Film Music. A Summary of the Characteristic Features of Its History, Aesthetics, Technique. And Possible Developments. Übersetzt von Eric S. Bensinger. Faber & Faber, London 1936.
  • Pierre de La Rue: Giftgas. (Filmnovelle). Ein Film nach dem Bühnenwerk von P. M. Lampel „Giftgas über Berlin“. Drehbuch: N. Sarchi. Schmidt & Company u. a., Berlin u. a. 1929.
  • Thomas F. Schneider, Hans Wagener (Hrsg.): Von Richthofen bis Remarque. Deutschsprachige Prosa zum I. Weltkrieg (= Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik. Bd. 53). Rodopi, Amsterdam u. a. 2003, ISBN 90-420-0955-1, S. 188, zu Anm. 18.
  • Thomas F. Schneider: Rezension zu Stiasny, Philipp: Das Kino und der Krieg. Deutschland 1914–1929. München 2009. In: H-Soz-u-Kult. 10. Mai 2010.
  • Philipp Stiasny: Das Kino und der Krieg. Deutschland 1914–1929. edition text kritik, München 2009, ISBN 978-3-86916-007-8.
  • Heiner Widdig: Lampel, Peter Martin. In: Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes. Band 7: Kräm – Marp. 2., vollständig überarbeitete Auflage. de Gruyter, Berlin u. a. 2010, ISBN 978-311-02204-8-3, S. 178–179.
  • Friedrich v. Zglinicki: Der Weg des Films. Die Geschichte der Kinematographie und ihrer Vorläufer. Mit 890 Abbildungen. Rembrandt-Verlag, Berlin 1956.

Weblinks

  • Giftgas bei IMDb
  • Giftgas bei filmportal.de

Einzelnachweise


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